Beethoven Studien im Generalbass, Contrapunkt und der Composition – Neue Ausgabe von Louis Köhler

Erster Abschnitt. Accord-und Generalbass-Lehre: Zehntes Capitel – Grundaccorde

Grundaccorde sind diejenigen, von welchen andere abstammen. Es gibt deren nur zwei: der vollkommene, perfecte, reine Dreiklang 8/5/3, und der Septimenaccord 7/5/3; alle übrigen, von denselben hergeleitete, heissen Versetzungen  oder Nebenaccorde. Schreibt man einen Bass, worin blos Dreiklänge und Septimen-Harmonien Vorkommen, so ist dieses der wahre Grund- oder Fundamentalbass; z. B.

‘Wird die Auflösung, welche z. B. der Oberstimme zukäme, in den Bass oder In irgend eine andere Stimme verlegt, so beisst dieses eine Verwechslung der Auflösung; z. B.

wenn nämlich der Bass vor der noch nicht erfolgten Auflösung ein anderes, zur Harmonie gehöriges Intervall ergreift, so dass beide Accorde auf einem und eben demselben Grundaccord beruhen; z. B.

Bei den durchgehenden Noten sind die harmonischen von den nicht harmonischen Nebennoten zu unterscheiden, jene nämlich liegen im Accorde:

ebenso über einem liegenden Bass:

hier mit übergangenem Accord:

auch durch Verwandlung der Dissonanz in eine Consonanz, und nicht minder im entgegengesetzten Falle:

Der aus Grundton, Terz und Quinte bestehende Dreiklang ist ein Accord, welcher ohne Bezifferung gegriffen wird; wenn man jedoch Ziffern, welche seine Intervalle bestimmen, einzeln oder zusammen, unter oder über demselben antrifft, muss dies aus ändern Gründen nöthig sein. Bald sind Dissonanzen, welche über denselben Grundnoten in andere Accorde aufgelöst werden, dazu Veranlassung; z.B.

bald setzt man auch, wenn Dissonanzen nach geschlagen werden, der Deutlichkeit wegen die Ziffern des Dreiklanges aus; z. B.

Wo nur eine 6 als Bezifferung steht, gehört als selbstverständlich die Terz dazu, es wird so der Sextaccord gebildet. Die übermässige Sexte ist eine Dissonanz, welche mit oder ohne Vorbereitung vor:

Die dissonirende verminderte Sexte kommt selten vor:

Zuweilen erheischt die Folge, die Begleitung fünfstimmig zu machen; z. B.

Der übermässige Dreiklang besteht nebst der übermässigen Quinte noch aus der grossen Terz und Octave. Er hat entweder allein das Zeichen der erhöhten Quinte oder auch noch die dazu gehörigen Ziffern bei sich. Diese Quinte ist eine Dissonanz, welche nicht leicht ohne Vorbereitung gebraucht wird und immer aufwärts steigt:

Dieses Intervall kommt meistentheils als Uebergangston in einer langsamen Modulation vor:

Die Signatur 6/4 gibt den Quartsextaccord. Die verminderte Quarte will vorbereitet werden, die reine jedoch nicht:

Wenn bei dem Sextenaccord die Terz durch die Quarte aufgehalten wird, so verträgt dieser Satz am besten die Dreistimmigkeit soll dieselbe jedoch vierstimmig sein, so lässt man die Octave aus und verdoppelt dafür die Sexte. Alle drei Quarten und beide consonirende Sexten können hierbei Vorkommen j die ersteren müssen vorbereitet werden und herunter gehen. Es ist also nöthig, sie durch ein bestimmtes Zeichen dem Ungeübten kennbar zu machen. Bei der verminderten Quarte ist die a Sexte klein:

Bei der übermässigen ist sie gross:

Bei der reinen kann sie gross oder klein sein:

Bei der übermässigen Quarte, wenn sie im Durchgänge vorkommt, darf der Bass nicht im mer herunter gehen er kann auch liegen bleiben:

In dem folgenden Beispiele tritt die übermässige Quarte durch eine Vorausnahme zu zeitig

Es ist besser, die Auflösung der verminderten Quinte mittelst einer Verwechslung dem Basse zu überlassen und auch die Bezifferung darnach einzurichten, als wenn dieselbe bei der zweiten Note in die Octave ginge; z. B.

Die reine Quarte mit der Sexte kommt auch zuweilen bei einer auf gehaltenen Quint- Septime vor und wird dreistimmig begleitet; z. B.

Die Signatur 6/4/3 gibt den Terzquartsextenaccord, die Zahl 6 aber wird nur dann darüber gesetzt, wenn3 dieselbe eines Versetzungszeichens: #6, 6 b6 6  bedarf, oder wenn die Auflösung der Dissonanz in ihr vorgeht:

oder wenn sie, regelmässig durch gehend, über den bleibenden Grundton in ein anderes Intervall schreitet:

Die kleine, grosse und übermässige Sexte, die reine und übermässige Quarte, die kleine und grosse Terz sind diejenigen Intervalle, welche bei dem Terzquartsextenaccorde Vorkommen:

Hier einige Fälle, wo die grosse Sexte von der übermässigen Quarte und grossen Terz begleitet wird:

Fälle, wo die kleine Sexte die reine Quarte nebst der kleinen Terz zu Gefährten hat:

Fälle, wo die grosse Sexte auf der reinen Quarte sammt der grossen Terz erscheint:

Fälle, wo die übermässige Sexte mit der übermässigen Quarte und grossen Terz gepaart ist:

Zuweilen muss man nicht sowohl bezüglich der nöthigen Vollstimmigkeit, als vielmehr wegen der Auflösung einer vorhergegangenen, oder wegen Vorbereitung einer nachfolgenden Dissonanz zu dem 6/4/3 z. Accorde auch noch die Octave nehmen:

Der Quintsextenaccord besteht aus der Terz, Quinte und Sexte. Seine Signatur ist 6/5, ohne 3. In demselben können Vorkommen dreierlei Sexten: die übermässige, grosse und kleine:

Zuweilen muss wegen der Auflösung oder Vorbereitung einer Dissonanz als fünfte Stimme die Octave dazu genommen werden:

Wenn über einer ruhenden Grundnote der Quintsext- in den Quartsextaccord resolvirt, so nimmt man als vierte Stimme die Octave und lässt die Terz weg, weil der simple Satz doch eigentlich nur der Quartsextaccord ist, wobei die Quarte durch die reine Quinte aufgehalten und letztere vorbereitet wird:

Folgt jedoch bei einem solchen ruhenden Grundbass auf die Quinte keine Quarte, sondern folgen andere Intervalle, oder bewegt diese Fundamental- Note sich selbst fort, so bleibt man bei der gewöhnlichen Begleitung der Quintsext-Harmonie:

Die übermässige Sexte hat in dem f6/5 Accorde immer die reine Quinte und die grosse Terz bei sich:

Nachstehende Beispiele beweisen, dass die Sexte mit der verminderten Quinte 5 zugleich frei  angeschlagen werden darf:

Die Aufrechthaltung einer bequemen Lage und des fliessenden Gesanges, wie auch die Vermeidung unreiner Eonschreitungen in den äussersten Stimmen, sind Ursachen, von der Vorbereitung der falschen Quinte welche ohnedem frei angeschlagen werden darf, abzusehen. Man nimmt zuweilen bei einer Bassnote mit der verminderten Quinte statt der Sexte die Terz doppelt; man braucht diese doppelte Terz, um einen guten Gesang zu erhalten und Fehler gegen die reine Schreibart zu vermeiden:

Hier noch einige Beispiele mit verminderter Quinte 5:

Der Secundenaccord besteht aus der Secunde, der Quarte und der Sexte. Die Signaturen desselben sind 2 , oder: 4/2 , oder: 6/4/2 . Die Sexte kann gross und klein sein; die Quarte übermässig und rein; die Secunde gross, klein und übermässig. Das dissonirende Intervall kommt hier jederzeit im Basse vor, als Bindung oder durchgehend, wird jedoch immer abwärts aufgelöst; z. B.

Wenn eine grosse Secunde die reine Quarte und die grosse Sexte zu Gefährten hat, so kann die Quarte sowohl hinauf als hinunter gehen, liegen bleiben, oder auch abwärts springen:

Eben dieselbe Freiheit hat auch die Quarte in Verbindung mit der grossen und kleinen Secunde und kleinen Sexte

Wenn die übermässige Quarte in Gesellschaft der grossen Secunde und grossen Sexte erscheint, so kann sie nachher liegen bleiben und dann in die Höhe gehen. Ebenso, wenn sie die übermässige Secunde und grosse Sexte bei sich hat; in diesem Falle mag sie sogar im Durchgänge abwärts schreiten, doch muss sie sich unmittelbar darauf wieder nach oben bewegen:

Auch springt die übermässige Quarte zuweilen herunter:

Mau greift auch ohne Andeutung durch Ziffer zur übermässigen Quarte die grosse Sexte, und zur kleinen Secunde die kleine Sexte, zur übermässigen Secunde die übermässige Quarte, und zu dieser, mit einem doppelten Erhöhungszeichen (4 oder x4) die grosse Secunde nebst der grossen Sexte:

Der Secundquintenaccord enthält die Secunde nebst der Quinte. Als vierte Stimme wird eines dieser beiden Intervalle verdoppelt. Die Signatur ist Die Secunde ist dabei gross, die Quinte rein, und die Dissonanz liegt, wie in allen gebundenen Secundenharmonien, im Basse:

Beim irregulären Durchgänge, oder bei Wechselnoten, kommt auch zuweilen die übermässige Quinte vor; z. B.

Der Secundquartquintenaccord besteht aus den genannten Intervallen, wovon das erstere gross ist, die ändern beiden aber rein sein müssen. Er wird durch die Zahler 5/4/2 ausgedrückt; nämlich:

Der Secundterzenaccord ist aus der kleinen Secunde, der grossen Terz und reinen Quinte zusammengesetzt. Man signirt denselben durch eine 2 mit dem erniedrigenden Versetzungszeichen, nebst der Zahl 3 :

Derselbe kommt auch zuweilen im irregulären Durchgänge, als ein voraus genommener Tferz- quartenaccord, sowohl mit der grossen Secunde, als mit der kleinen Terz vor:

Der Septimenaccord kann in dreierlei Gestalt erscheinen: erstens mit der Terz und Quinte zweitens mit der Terz und Octave; drittens mit der doppelten Terz. Er wird entweder durch 7 oder  7/5 angedeutet. In diesem Accorde kommen vor: die verminderte, die kleine und grosse Septime die übermässige, die reine und falsche Quinte; die grosse und kleine Terz, und die reine Octave. — Die Septime ist eine Dissonanz, welche mit oder ohne Vorbereitung gebraucht wird und nachher herunter geht oder sich auf löst. Durchgehende Septimen können auch liegen, wie alles aus folgenden Beispielen ersichtlich:

Tritt die Septime nicht zugleich mit der Grundnote ein, so bewegt sie sich stets abwärts:

In nachstehenden Beispielen zeigt sich die rechte Verdoppelung:

Septimenaccorde mit der grossen Terz:

Durchgehende Septimen wollen besonders delicat behandelt werden:

Gute Septimengänge :

Der Sextseptimenaccord besteht entweder aus der Septime, Sexte und Terz, oder aus der Septime, Sexte und Quarte. Im ersteren Falle wird er: 7/6,  /5 signirt; im zweiten muss auch die Quarte mit über den Grundton ausgesetzt werden, und der Auflösungsaccord pflegt ausser der Quinte noch die Terz in der Bezifferung zu haben:

Im Durchgänge kommt auch anstatt der Quarte die Secunde vor:

Der Quartseptimenaccord wird durch die Zahlen 7/4 signirt. Er enthält entweder nebst diesen beiden Intervallen noch die Quinte oder die Octave. In demselben können Vorkommen: die grosse, kleine und verminderte Septime; die reine Octave; die übermässige, reine und falsche Quinte; die verminderte, reine und übermässige Quarte. Die letztere lässt sich auch zu gleich mit der Septime auf lösen:

Ebenso kann die Quarte vor der Septime, und entgegengesetzt die Septime vor der Quarte aufgelöst werden:

Der grosse Septimenaccord besteht aus der grossen Septime, der reinen Quarte und grossen Secunde, und wird auch durch die genannten Zahlen ausgedrückt, nämlich 7/4/2 . Er wird im Durchgang, sowie als Vorhalt gebraucht, und kann mittelst Hinzufiigung der Quinte auch funfstimmig gemacht werden; z.B.

Der Nonenaccord besteht aus der Terz, Quinte und None. Seine Signatur ist, wenn die None über derselben Grundnote aufgelöst wird, 9-8; geht jedoch die Auflösung derNoneerst über der folgenden Note vor sich, so ist die Zahl 9 allein hinlänglich. Die grosse und kleine None, die übermässige, reine und falsche Quinte, die grosse und kleine Terz kommen in diesem Accorde vor. Die None ist eine Dissonanz, welche jederzeit vorbereitet wird und bei der Auflösung eine Stufe heruntertritt: .

Die None kann auch ohne Resolution bleiben oder aufgehalten werden:

Der Sextnonenaccord enthält die Terz, Sexte und None. Seine Signatur ist 9/6 mit den etwa nöthigen Versetzungszeichen  denn alle drei Intervalle können klein und gross sein:

Der Quartnonenaccord besteht aus der Quarte, Quinte und None. Dessen Signatur ist 9/4 Geschieht dieser zwei Dissonanzen Auflösung zugleich über derselben Grundnote, so wird 8/3 als nächstfolgende Signatur gesetzt:

Die None kann in diesem Accorde gross und klein sein; die Quinte ist bald übermässig, bald rein, bald falsch; die Quarte muss allezeit rein sein:

Wird, statt der Quinte die Sexte gegriffen, welche klein oder gross sein kann, so muss sie besonders angemerkt werden, nämlich:  9/6/4

Der Septimennonenaccord hat nebst diesen beiden Intervallen noch die Terz zur Begleiterin. Seine Signatur ist: 9/7 mit den erforderlichen Versetzungszeichen. Wenn dieses Dissonanzpaar zugleich über derselbenGrundnote aufgelöst wird, so müssen sie abwärts nach 8/6 gehen:

Alle drei Intervalle, woraus dieser Accord besteht, können gross oder klein darin Vorkommen:

Soll statt der Terz die Quarte genommen werden, so muss man es anzeigen. Da die letztere ebenfalls vorher liegt, so hat man die ganze Aufgabe in der Hand, auch sogar, wenn die Quinte mit als fünfte Stimme genommen werden muss, welche hier ebenfalls rein, falsch oder übermässig sein kann:

Die Bestandteile des Quartquintenaccor des sind die Octave, die Quinte und die Quarte. Er wird durch die Ziffern 4 3 oder 5/4 signirt, wenn die Quarte alsogleich aufgelöst wird; geschieht solches jedoch erst in der Folge, dann ist die einzelne Zahl 4 hinlänglich. Die reine’ und falsche Quinte, die reine Octave und Quarte sind die darin vorkommenden Intervalle; letztere muss immer vorbereitet werden und geht bei der Auflösung abwärts:

In der galanten Schreibart wird zuweilen ein langer Vorschlag als Vorhalt gebraucht; dieser ist die reine und übermässige Quarte, unvorbereitet mit der Quinte. Bei N° 1 darf man in die reine Quarte sowohl gehen als auch springen:

Bei N° 2 kann die übermässige Quarte nur stufenweise angebracht werden:

Ausserdem kann man dieselbe auch, wie bei N° 3 , gar wohl ohne Begleitung, als Vorschlag durch eine Viertelpause vorübergehen lassen, nämlich:

Bei N° 4 kann man über die erste Note alle Lagen des Sextenaccordes anbringen, und her In die reine Quarte gehen oder springen:

Pagina tratta da : Beethoven Studien im Generalbass, Contrapunkt und der Composition – Neue (Dritte) Ausgabe von Louis Köhler – Eigentum der Verleger. J. Schubert & C. Leipzig 1880.